Die Wiedergeburt der Dorfläden

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren kleine Krämerläden, auch Hökerei oder Kolonialwarengeschäfte genannt, das Herz der ländlichen Versorgung. Neben Lebensmitteln des täglichen Bedarfs boten sie oft auch Haushaltswaren, Textilien oder Werkzeuge an. Diese Geschäfte fungierten nicht nur als Nahversorger, sondern waren zentrale Treffpunkte für den dörflichen Austausch

Mit dem Wirtschaftswunder, zunehmender Mobilität und dem Aufkommen großer Supermärkte sowie Discounter ab den 1970er und 1990er Jahren gerieten die kleinen Dorfläden wirtschaftlich stark unter Druck. Die historisch gewachsenen Strukturen verschwanden nach und nach, was in vielen ländlichen Regionen zu einer kritischen Versorgungslücke und dem Verlust sozialer Treffpunkte führte. Die Zeit der Wiedervereinigung und strukturelle Veränderungen durch die Gebietsreform in Sachsen-Anhalt besiegelten das Kapitel Dorfladen.

Rund 25 Jahre nach der Wiedervereinigung findet der Dorfladen eine Wiedergeburt. Um der "Nahversorgungswüste" auf dem Land entgegenzuwirken, zeichnet sich seit dem letzten Jahrzehnt eine neue Generation von Dorfläden ab. Diese werden heute oftmals als Bürgerinitiativen, Genossenschaften (eG) oder als Gesellschaften mit beschränkter Haftung organisiert. Viele der heutigen Dorfläden sind mehr als bloße Supermärkte: Sie integrieren oftmals Postfilialen, kleine Cafés, Bäckereien, regionale Produkte und dienen als zentraler sozialer Treffpunkt für alle Generationen. 

Die Zukunft liegt vielerorts in intelligenten Konzepten, bei denen die Geschäfte dank digitaler Systeme auch als personalfreie Selbstbedienungsläden rund um die Uhr zugänglich sind. 

Dorfladen Deersheim

Den Auftakt in Sachsen-Anhalt für die neue Generation Dorfladen machte der Dorfladen Deersheim im Landkreis Harz, das Flaggschiff unter den Genossenschaftsmodellen. Den Dorfladen gibt es seit 2016. Die Idee dazu entstand aus einer Notsituation. 2012 wurde die kleine Kaufhalle in Deersheim geschlossen und somit gab es im Ort keine Einkaufsmöglichkeit mehr. Das war vor allem ein Problem für Ältere und Menschen mit Handicap. Eine Befragung der 320 Haushalte in Deersheim, im März 2013 bzgl. eines Dorfladens, führte im Ergebnis zu der Entscheidung, das Problem in Eigenregie lösen zu wollen.

Es wurde begonnen die ehemalige Gutshofhalle (heute Markthalle) mit besonderer Leader-Förderung der Stadt Osterwieck, über insgesamt drei große Bauabschnitte umzubauen. Um die finanzielle Last und auch die Verantwortung aufzuteilen, wurde im November 2014 eine Genossenschaft mit zunächst 89 Mitgliedern gegründet. Jeder zahlte einen Genossenschaftsbeitrag ein, um den Laden mitzufinanzieren.

Unterstützt wurde das Bauvorhaben von Anfang an durch das Agenda21-Büro des Landkreises Harz, sowie durch die Verwaltung der Einheitsgemeinde Stadt Osterwieck. Auch Unter-nehmen der Region, die Deersheimer Vereine, sowie Vertreter der Politik förderten das Projekt. Den Durchbruch für die Umsetzung brachte die Auszeichnung als bundesweites Leuchtturmprojekt im Januar 2016 und die damit verbundene finanzielle Unterstützung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL).

Nach unzähligen Arbeitseinsätzen der Deersheimer und viel ehrenamtlichem Engagement konnte der Dorfladen am 18.11.2016 eröffnet werden. Ein Einkaufs-, Dienstleistungs- und Kommunikationszentrum mit großer Strahlkraft war entstanden. Einen Laden, den die Bewohner als “ihren Laden” betrachten.

Das Dorfladen-Deersheim-Projekt erhielt 2017 den Demografie Preis des Landes Sachsen-Anhalt in der Kategorie “Verändern – Lebensfreude in Stadt und Land”, sowie den Deutschen Lokalen Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie “Nachhaltige Gemeinde-, Stadt- und Regionalentwicklung”. Viele Preise und Ehrungen folgten.

Tante Enso

Einen entscheidenden Drive zur Neugründung von Dorfläden als Franchise-Modell gab das bundesweit agierende Unternehmen myenso. Enso ist ein rein bremisches Unternehmen mit mehr als 400 Beschäftigten, das 2016 von Norbert Hegmann und Thorsten Bausch gegründet wurde. Zunächst als Online-Shop 'myenso' mit eigener Logistik an den Start gegangen, wird die Idee des stationären Tante Enso-Marktes auf dem Land seit 2019 konsequent vorangetrieben.

Tante Enso ist ein stationärer Supermarkt auf 200 qm bis 250 qm, der rund um die Uhr geöffnet und zu bestimmten Tageszeiten mit Personal besetzt ist, in der Regel vier Stunden täglich. Das Sortiment ist mit 3.000 bis 3.5000 Artikeln umfangreich gestaltet, so dass ein Vollversorgungssortiment die Versorgungslücke komplett schließt. Darüber hinaus integriert Tante Enso bevorzugt lokale und regionale Erzeugnisse. Den entscheidenden Unterschied zu allen anderen Online-Supermärkten macht die konsequente Umsetzung des Prinzips „Der Kunde hat das Sagen“. Mit diesem Prinzip wird von Anfang an dem Wunsch der Kunden zu Sortiment, Einkaufsfunktion und Services entsprochen. Die Bürger reden mit und entscheiden, welche Angebote aufgenommen werden sollen.

Tante Enso ist ein Genossenschaftsmodell, was in kleine Ortschaften geht und Läden mit modernster Technik einrichtet, die sieben Tage in der Woche, rund um die Uhr zum Einkauf einladen. Voraussetzung ist die Bereitschaft von mindestens 300 Bürgern, sich mit 100 Euro Genossenschaftsanteil an einer neuen Filiale zu beteiligen.

Enso ist das japanische Wort für Kreis. Der Kreis symbolisiert die Gemeinschaft und dabei steht im Mittelpunkt der Mensch. Bei Tante Enso erhält der einzelne Mensch als Teilhaber eine Stimme und ist gleichzeitig Mitgestalter einer gemeinsamen, demokratischen Sache. 

Am 20.04.2023 wurde in Wörlitz, einer 1.300-Seelengemeinde im Landkreis Wittenberg der erste Tante Enso-Mini-Supermarkt in Sachsen-Anhalt eröffnet. (BEQISA-Newsletter 2.Quartal 2023). Am 7. September 2023 öffnete in Görzig, Landkreis Anhalt Bitterfeld der zweite Tante Enso Mini-Supermarkt (BEQISA-Newsletter 3. Quartal 2023). Ebenfalls im Landkreis eröffnete am 27.02.2025 in Roitzsch, Stadt Sandersdorf-Brehna der nächste Tanta Enso Dorfladen. Punkt zwölf Uhr füllte sich der neue Tante Enso-Markt mit mehr als 200 Besuchern. Genossenschaftsmitglieder, Vertreter aus Politik und Wirtschaft sowie langjährige Bewohner, die diesen Moment herbeigesehnt hatten. Am 13.06.2024 eröffnet im LK Wittenberg, in Abtsdorf, der zweite Tante Enso-Laden. Am 27.03.2025 folgte in Langenstein, LK Harz der aktuell fünfte Tante Enso Mini-Supermarkt. Weitere Eröffnungen stehen für 2026 im Schachdorf Ströbeck, LK Harz und in Letzlingen im Altmarkkreis Salzwedel an.

Ende 2025 hatte Tante Enso deutschlandweit 86 Filialen eröffnet. Mit den Filialen kehrt nicht nur eine Einkaufsmöglichkeit auf das Land zurück, sondern auch ein sozialer Treffpunkt. Das Tante Emma-Gefühl trifft auf modernen Handel. Der Anspruch besteht darin, das Land nachhaltig für ein besseres Leben vor Ort zu sorgen. Enso ist ein unternehmerisches Vorbild für eine bessere Welt, das aufzeigt, dass Wirtschaftlichkeit und die Übernahme gesellschaft-licher Verantwortung sich nicht im Wege stehen müssen. Respekt, Anerkennung und Fairness sind dabei die entscheidenden Kriterien. 

Unser Schopp

Da wo der Flächenbedarf nicht so groß ist wie bei Tante Enso, kommt eine rein sachsen-anhaltinische Lösung ins Spiel – der Tante-Emma-Laden im Container. Auf 72 qm hält UnserSchopp ein Vollsortiment, inkl. Kühlung und Tiefkühlung vor. In Dörfern mit meist weniger als 3.000 Einwohnern ist der moderne Containerladen, der rund um die Uhr geöffnet ist, 24 Stunden täglich, 7 Tage in der Woche, 365 Tage im Jahr, eine sinnvolle Alternative. Zugang erhalten Kunden per Chip- Karte oder Personalausweis, bezahlt wird überwiegend bargeldlos. Ergänzend gibt es wie bei Tante Enso personell besetzte Zeiten. An 1 bis 3 Tagen in der Woche (je nach Bedarf) ist der Dorfcontainer für 2-4h personell besetzt. Dann scannt die Kassiererin ganz klassisch. Barzahlung, Gespräche und Beratung sind möglich. Finanziert wird das Modell über ein Dorfladen-Abo. Einwohner zahlen wöchentlich einen gemeinsam festge-legten Mindestbetrag und erhalten den Betrag als Einkaufsgutschein zurück. Erst wenn ein festgelegter Finanzierungssockel erreicht ist, wird das Projekt umgesetzt. Wenn alle Voraus-setzungen gegeben sind, ist der „Container-Dorfladen“ in 4 Wochen betriebsbereit. Der Dorfladen unterstützt Produzenten und Hersteller der Region, das Geld zirkuliert in der Region, was wiederum Arbeitsplätze sichert und schafft. Kürzere Transportwege, geringere Transportkosten sorgen für geringere Preise beim Endkunden und mehr Ertrag für den Produzenten. Optional ist der Standort erweiterbar: Café- + Bistro-Ecke, Lieferservice, Online- Shop-Bestellungen, Paketstation etc.

Der erste Container-Laden wurde im anhaltischen Burgkemnitz gebaut, er gilt als Referenz für die vielen Initiativen, die das Angebot auch in ihrer Region umsetzen wollen. Vorgespräche und Abophasen laufen derweil in Nauendorf, Krosigk, Lieskau und Bennstedt im Saalekreis. Etwas weiter sind die Orte Beesenstedt, Höhnstedt und Oppin. In Beesenstedt ist die Finanzierung schon gesichert. In Nauendorf und Höhnstedt nähert man sich der Zielmarke in großen Schritten.

Sachsen-Anhalt setzt ein bundesweites Signal

Eine besondere Rolle bei der Entwicklung der neuen Generation von Dorfläden nimmt die Politik in Sachsen-Anhalt ein.

Mit der Landtagssitzung am Donnerstag, den 20.02.2025 schreibt der Landtag Sachsen-Anhalt bundesweit Geschichte. Die seit Jahren schwelende Diskussion zur Sonn- und Feiertagsöffnung in vollautomatischen Dorfläden wird mit der Verabschiedung des zweiten Gesetzes zur Änderung der Ladenöffnungszeiten in Sachsen-Anhalt zunächst beendet.

Die Landesregierung geht das Risiko ein, dass dieser Gesetzentwurf in der jetzigen Fassung an die Grenzen dessen geht, was verfassungsrechtlich zulässig ist. Skepsis herrscht vor allem bei der Kirche und den Gewerkschaften, die auf die Sonntagsruhe und den Sonntagsschutz in den Festlegungen der Nationalversammlung der Weimarer Republik vor 106 Jahren pochen und eine bundeweite Lösung bisher verhinderten.

Mit der Verabschiedung des Gesetzes reagiert die Politik auf die veränderten Strukturbedingungen in Sachsen-Anhalt. Der ländliche Raum hat in den letzten 35 Jahren immer mehr an Attraktivität verloren. So wischte die Welle der Supermarktketten die kleinen Dorfläden nahe-zu von der Landkarte. Wo früher Dorfläden und Einzelhändler das Leben prägten, herrscht heute oft Leere. Um die die ländlichen Regionen nicht weiter zu vernachlässigen, war Handlungsbedarf dringend geboten. Eine gute Nahversorgung wurde zur obersten Priorität erklärt, vor allem vor dem Hintergrund, dass immer mehr älter werdende Menschen den ländlichen Raum prägen. Die Lebensqualität in den Dörfern gilt es zu erhalten bzw. gleich-wertige Lebensbedingungen in Stadt und Land zu schaffen. Mit der Freigabe der Ladenöffnungszeiten an allen Werktagen reagierte die Landesregierung auf die Bedürfnisse der heutigen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen.

Der Kurs der Landesregierung wird durch ein Urteil des  Landesverfassungsgerichts in Dessau-Roßlau vom 09. März 2026 bestätigt. Im Herbst 2025 hatte die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi Verfassungsbeschwerde eingelegt. Verdi berief sich auf die Religionsfreiheit, konkret auf einen 1919 niedergelegten Artikel der Weimarer Reichsverfassung, der durch Übernahme in das Grundgesetz bis heute unmittelbar gilt. Darin ist festgelegt, dass Sonn- und Feiertage „als Tage der Arbeitsruhe und seelischen Erhebung“ gesetzlich geschützt sind.

Erfolg hatte die Beschwerde nicht. Am 09.März 2026 verabschiedete das Landesverfassungsgericht ein wegweisendes Urteil, indem es die Klage zurückwies. Weitere Verfassungsbeschwerden gegen die Sonntagsöffnung von Automatenläden sind nicht mehr möglich, da die einjährige Frist seit Inkrafttreten der Gesetzänderung abgelaufen ist.